Zitate

Lydia Schulgina

So lebt man denn an der Nahtstelle verschiedener Nationen, Kulturen, Wünsche, Bestrebungen... Und sieht, daß die Zeit keinen Anfang, keinen Fortgang in der Bewegung hat. Das Wort bildete, da es erklang, unser ganzes Leben ab und sagte eben dieses Leben voraus. Und abermals beginnt ein jeder, der hinausgeworfen wurde in die Welt, seinen Weg mit der Entscheidung - sich nicht zu beugen, die Gebote, die Verbote zu überschreiten. Und wieder zerstört der furchtgebietende Richter die plumpen kleinen Figuren. Und es gibt kein Ende...

Lydia Schulgina

Ich bin in einem Fieber des Schaffens: Ich kann an nichts anderes denken und warte wie eine Alkoholikerin auf einen Schluck Atelier-Luft. Der „Chor der Stimmen" wächst... Die Gottesmutter stellt, den gekreuzigten Leib auf der Brust, den Übergang von den Figuren des „Abendmahls" zu den „Stimmen" dar; ich werde ihr als Unterschrift die folgenden Worte aus Matthäus beigeben: „Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr da."

Das gibt den Schlüssel zum geheimen Gang meiner Gedanken: Dies sind die Stimmen der Getöteten -diejenigen, die bis zu uns durchgedrungen sind, eingefangen beim Verrichten gewöhnlicher menschlicher Tätigkeiten, Küche, Dampfbad, Spiele der Kinder. Doch dies zu verstehen hat bloß der Eingeweihte ein Recht. Die anderen werden nichts als eine Serie einfacher Portraits vor sich sehen.

Michael Scheinbau in

Die Figuren der Plastiken Lydia Schulginas -Skulpturen und Reliefs, die mittels einer von ihr erfundenen Technik gefertigt, man kann sagen: gleich Kristallen aufgezogen worden sind: altes Zeitungspapier, getränkt mit weißer Wandfarbe, kaum von anderer Farbe berührt - sind äußerst ausdrucksstark. Mit dieser minimalistischen Technik hat Lydia die großgestaltigen plastischen Kompositionen „Kreuztragung", „Das Letzte Abendmahl", „Engel" u. a. geschaffen. Dies sind keine idealen Helden, sie sind uns allen gemäß, uns ähnlich, sind erkennbar und : gleichzeitig so vom Willen des Künstlers beseelt, daß sie die Zuschauer unabänderlich zum Nachdenken bringen.

Die Komposition „Stimmen" aus vierzehn Reliefs ist gewissermaßen das geistige Vermächtnis der Künstlerin. Die Figuren jener Menschen, die von uns gegangen sind, der Ahnen, treten, vom Willen des Autors für einen Augenblick ins Leben zurückgerufen, aus der Fläche der Wand hervor, sprechen alltägliche oder aber von einem verborgenen Sinn erfüllte Worte aus und verschwinden wieder, den Kreis des menschlichen Seins beschließend.

Lew Anninskij

Mit welchem Material das Gestaltlose gestalten? Sie kehrt zum Papier zurück. Zum Papier, das in zerknitterten Fetzen vor unseren Füßen liegt, wie die vergängliche Asche, die der Anstrengung nicht standgehalten hat. Dieses Material muß man in all seiner Vergänglichkeit ins Leben zurückholen. Ihm Zerbrechlichkeit und Festigkeit zurückgeben. Mit dem Weiß der Reinheit tränken. Hier ist sie, die endgültige Technik: alte Zeitungen, in einen Eimer mit weißer Farbe getaucht. Aus diesen Lumpen und Fetzen werden Figuren geformt. Und sie erstarren, die Materie des Nichtseins wahrend. Keinerlei Gerüst - alles ist gewichtslos. Allein vom Geist gehalten. Von Musik. Von Stimmen... Der Zyklus heißt „Stimmen".

Ihre letzte Arbeit ist ein weißer Engel in Menschengröße, der sich auf einen weißen Stuhl stützt. Als warte er auf einen, der sich setzt - um diesen einen zu umarmen, zu beschützen, zu bewahren. Der Beschützer selbst ist zerbrechlich, sein Wesen ephemer. Schaut man genauer hin, so bemerkt man, daß sein Rumpf, die Arme, die Flügel hinter dem Rücken aus Papier gemacht sind. Der Engel, einst dem Buch entflogen, verharrt im realen Raum, zwischen Sein und Nichtsein balancierend.

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