Zitate

Lydia Schulgina

Es wäre anmaßend, zu sagen, daß ich an Themen aus der Bibel arbeite oder versuche, die Bibel zu illustrieren. Ich lese einjach nur das Buch und die heutigen Ereignisse scheinen mir dessen Fortsetzung zu sein. Und das, was uns.umgibt, wird von der Bedeutsamkeit biblischer Katastrophen erfüllt. Ich will eine plastische Form finden, welche dieser Thematik würdig ist. Kann sein, daß Schnittreste von Leinen und alte Bretter geeignet sind, unseren jetzigen Abfall mit dem Prämaterial biblischer Zeiten zu verbinden. Ich wünschte, diese Versuche der Vereinigung zweier Epochen würden zur Methode meines Denkens in der Malerei. Dann möglicherweise werden meine Leinwände zum Spiegelbild menschlicher Leiden, welche in unserer ständigen Auflehnung gegen die Gebote ihre Ursache haben.

Ninel Siterowa

Die ernsthafte Beschäftigung mit der Malerei begann für Lydia Schulgina erst später, nämlich als sie die Bekanntschaft des Künstlers Nikolai Estis machte und seine Frau wurde. Er war, wie mir scheint, eine Art „geistiger Guru" für Lydia, das heißt ein Lehrer, welcher nicht lehrt, wie man arbeitet, sondern jenes Verborgene offenbart, das in den Tiefen der menschlichen Seele liegt und der Stunde seiner Befreiung entgegenharrt. Die Thematik von Leben und Tod, Reflexionen über das Augenblickliche, Vorübergehende und das Ewige, Unbegrenzte werden zum führenden Aspekt ihres Schaffens.

Galina Elschewskaya

Lydia Schulginas „Bretter" - ein Stück Holz mit natürlichem Schrein, Bauabfall: man muß es nur noch hobeln und abhauen, damit die Ölfarbe in dickflüssigem Reliefsich legt. Doch die Art der - Darstellung ist von den ikonischen Vorbildern weit entfernt. Das Kreuz steht direkt auf der Erde und Christus, das Menschengeschlecht vom Kreuz herab segnend, gehört ihm selbst bedingungslos an. Sein Segen läßt die Menschen nicht sterben - und hinterläßt ihnen doch das Leid als Vermächtnis. Die Vorbestimmtheit der kommenden Leiden ist bereits der „Erschöpfung der Welt" immanent -noch bevor „Satanas der Wundervolle" Adam und Eva den rotglühenden Apfel vom Baum der Erkenntnis reicht, noch vor einer Reihe weiterer Versuchungen (das für Lydia Schulgina wichtige Thema der Versuchung ist äußerst wichtig für das russische Bewußtsein im allgemeinen). Ohne zu hadern fügt sich Hiob seinem Los, ohne säch nach der Flamme umzusehen, die Sodom verschlingt, auch Lot der Gerechte, und die Mutter Gottes gebiert das zu Todesleiden bestimmte Kind... So klein sind die Menschen, so groß das Übel, so alt die Leinen, welche die unendliche Chronik der Verluste abbilden -doch es brennt der Leuchter in der Hand des Weisen und die Menschheit, begabt mit dem freien Willen, sucht ihren Weg zwischen den Steinen („Jordan"). Die rahmenlosen Leinwände können zu einem endlosen Fresco zusammengefügt werden - das kosmische Sujet ist nicht geschlossen, es dauert fort. Durch das "abfallwertige" Material, durch die primitivistische Sprache läßt sich das hohe Thema nieder in den elenden Kontext unserer Zeit und unseres heutigen Lebens.

Lydia Schulgina

Als ich die Bibel zum ersten Mal aufschlug, begriff ich, daß sie schon lang in meinem Innern gelebt hatte. Das Lesen des Buchs der Bücher wandelte sich zu einem Prozeß „inneren Illustrierens" biblischer Texte, dessen Ergebnis ein Zyklus malerischer Arbeiten wurde. Der immerwährende Versuch, in den biblischen Themen und Sujets eine Prophezeiung und Botschaft an uns Heutige zu erkennen, wurde zur Methode meines Denkens in der Malerei. Die biblischen Leinwände und Bretter, später auch Basreliefs und Skulpturen, wurden zu einer Chronik des modernen Leids, welches wohl in des Menschen ewigem Widerstand gegen die Gebote Gottes und der Bibel seine Ursache hat.

Lew Anninskij

Sie bringt die Figuren der Altväter mit Ölfarben aufs Holz. Die alten Bretter knarren und stöhnen, Jakob und Rahel wachsen aus diesem Stöhnen hervor oder auch in dieses Stöhnen hinein. Das Ungreifbare des Sujets lockert die Materie. Die Reliefs der biblischen Reihe - ein verzweifelter Kampf der Form mit dem Material: ein Versuch, Göttliches und Menschliches zu bewahren und jene geistige Existenz zu rechtfertigen, an die man nur glauben kann.

Elena Gertschuk

Der Künstlerin Lydia Schulgina ist es gelungen, das Gefühl des Papiers gleichermaßen in ihren graphischen Blättern, in ihren Malereien und ihren Papierskulpturen zu erhalten und fortzuentwickeln. Diese Skulpturen aus Zeitungspapier verlieren bei all ihrer Plastizität nicht die Qualitäten eines Druckblattes: es sind Buchseiten, lebendig gewordene, ungelesene, die durch Wüsten schweifen und sich zum Himmel emporstrecken. Auch in den malerischen Arbeiten leugnet die Künstlerin bewußt die traditionelle, konventionelle Fläche der in Wahrheit dreidimensionalen Leinwand. Ihre Leinwände, von ihr selbst - nicht bloß der alttestamentarischen Thematik wegen -als „Gebote auf altem Tuche" benannt, sind eben Leinen, Blätter - durch keinen Rahmen vom Zuschauer getrennt, vom Holzgerüst genommen, spreizen sie sich mit rissigem Saum über die Wände.

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