Zitate

Lydia Schulgina

Ich wuchs in einer Familie auf, in der die Verehrung des Buches herrschte. Der Traum, beide Leidenschaften - das Buch und das Zeichnen - zu vereinen, führte mich zu meiner geliebten Tätigkeit, dem Illustrieren von Kinderbüchern. Die wundervollen Gedichte und Märchen, an denen ich gearbeitet habe, erlaubten mir, nicht bloß Illustratorin, sondern vielmehr eine Mitautorin zu sein, die ihre eigene märchenhafte Welt erschafft. Dies wurde zum Fundament meines gesamten Schaffens.

Nikolai Estis

Lydia Schulgina liebte und fühlte das Buch in allen Feinheiten, konnte jedem der von ihr illustrieren Bücher die Züge einer unnachahmbaren Eigengestaltigkeit verleihen, jedes Buch mit einer Vielzahl verschieden gearteter Wesen ausfüllen. In ihren Büchern vereinigt sich in einer erstaunlichen Weise auf einer Ebene - in einer Illustration - eine unaufhaltsame strahlende Metaphorik mit einer naiven, beinah naturalistischen alltäglichen Realität. Die Welt ihrer Kinderbücher ist überbesiedelt mit flaumigen Gräsern und Bäumen, rührenden Fröschen, Mäusen, Igeln, traurigen Hasen, Schafen und Schildkröten, träumerischen und nachdenklichen Hunden, Bären, Elefanten, Krokodilen und Menschen. In unvorstellbarer Freigiebigkeit schenkt die Künstlerin ihrem jungen Zuschauer und Leser eine phantastische Welt - eine farberfüllte, gutmütige und leicht ironische. Die Grafik ihrer Illustrationen ist, würde ich sagen, überfließend: Hier sind Tausende von Punkten und Strichen, mit der feinsten Feder zu Papier gebracht, Hunderte von Gestalten, ein juwelierhaftes Prägen der Form, eine Erlesenheit der Fakturen.

Lydia Schulgina

Mir gefällt es nicht, wenn der Illustration die langweilige Rolle aufgetragen wird, den Text zu verdeutlichen. Deshalb versuche ich stets, ein ganzheitliches Bild jener Welt zu zeichnen, die vom Autor geboten wird; eine Welt zu bilden, in der die Helden der Geschichte ein eigenständiges Leben führen und wiederum Neues erschaffen können. Für mich nenne ich dies „das parallele Märchen".

Ninel Siterowa

Bücher mit ihren Illustrationen, die in Moskau erschienen, wurden sogleich zu einer bibliophilen Rarität. Sie war eine von Gott begnadete Grafikerin, wie man sagt. Nicht bloß ein glänzender Profi, für den im Zeichnerischen nichts unmöglich war - jede Linie wurde zum Spiegelbild einer beliebigen Regung ihrer Seele, ihres Gefühls, ihrer inneren Welt. Lydia Schulgina ist nicht nur Mitautorin; ihre ausgefeilt filigranen Illustrationen, die großartige Kultur der formalen Gestaltung des gesamten Buchkörpers machen das Buch zu einer Kostbarkeit, die man bewahren, bewundern, in den Händen halten und von Generation zu Generation weitergeben möchte. Im Unterschied zu den mit Punkten und Strichen übersäten Buchillustrationen herrschen in Lydia Schulginas Grafik eine Schlichtheit der Linien und eine Ausdruckskraft der Silhouetten, die auf der weißen Fläche des Blattes hervortreten und einenkompliziertenRhythmus erzeugen. Des lakonischen Stils ungeachtet, sind diese Blätter vielschichtig, vielfach assoziierbar, der sozio-philosophische Untertext geht mit einer psychologischen Schärfe des Bildhaften einher, mit Reflexionen über das Wesentliche des Seins und der Vergeblichkeit menschlichen Strebens angesichts der unabwendbaren Realität. Wenn Lydia Schulginas Illustration das Produkt einer besonderen Schärfe des Sehens war, so ist ihr freies Schaffen eine Frucht inneren Sehens: ihrem Blick, ihrer Seele eröffnen sich gleichsam andere Schichten des Seins.

Lew Anninskij

In ihren frühen Arbeiten erzittert der Strich von der kindlichen Ungeduld, alles zu erfassen und doch gleichzeitig nicht ein einziges Härchen zu verlieren. Nicht einen Grashalm, nicht eine Flaumfeder des atmenden Märchens. Das Blatt ist nicht so sehr ein „Ort der Handlung", worauf etwas „anderes", vom Papier unabhängiges illustriert wird, ein Igel oder Kater, - das Blatt erscheint vielmehr als Teilnehmer des Versuchs, als ein Schoß, worin lebende Materie aufgezogen wird, sich vervielfältigt und ihren Gesetzen gemäß verdichtet, - und das Papier ist nicht ein „Mittel", die Abbildung darzureichen, sondern ein fruchtbarer Boden. In ihrer alten Verbundenheit dem Buche gegenüber trat sie an das „Thema" heran, indem sie das Evangelium illustrierte. Der uns aus den Jugendwerken bekannte flaumige Strich umhüllt nun alttestamentliche Sujets. Das „Letzte Abendmahl" umwachsen - weich und zart wie einen Baum die Blätter - verschiedene Mikrosujets", in denen das Biblische verflochten ist mit dem kürzlich Geschehenen und dem Heutigen. Das muß man genau betrachten, das grafische Blatt lesen wie ein Buch, die Plastik des Gesamten, des kompositorisch Vereinten ständig durch das Flimmern des Striches hindurch spürend. Eine solche Verliebtheit in eine von lebendigen Wesen überbevölkerte Welt läßt an Dürer, Brueghel und andere große Nordländer der Frühen Neuzeit denken. Doch mehr als alles andere hallt hier ihre eigene frühe Welt wider, in welcher die Details des Lebens so gemütlich, so zottig, so wollig, so zart emporwachsen, daß einem scheint, es gäbe kein Übel... Plötzlich versteht man: Dieser kindhaft zutrauliche Strich verdeckt die Verzweiflung.

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